Geschichte

Das schwalbenbäuchige Wollschwein - seine geschichtliche Entwicklung

 

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Vom Wildschwein zum Haustier

In den meisten vor- und frühgeschichtlichen Kulturen nahm das Schwein in der Fleischerzeugung den ersten Platz ein. Knochenfunde aus Mesopotamien belegen, dass Schweine zusammen mit Schafen und Ziegen noch weitaus häufiger als Rinder gehalten wurden. Auch bei den Kelten und Germanen besass die Schweinehaltung einen grossen Stellenwert. Schon um 9000 v. Chr. wurden in Griechenland und Anatolien Hausschweine gehalten. Archäologische Untersuchungen an Haus- und Wildschweinen erbrachten den Nachweis, dass sich die Domestikation in vielen Gebieten der Erde unabhängig voneinander während der Jungsteinzeit vollzog.

 

Alle Hausschweine stammen vom Wildschwein (Sus scrofa) ab. Davon gibt es jedoch 32 lokale Unterarten, die in drei grosse Gruppen eingeteilt werden. Die Vorfahren der europäischen Landschweinerassen kommen aus der Gruppe der eigentlichen Europäischen Wildschweine (Sus scrofa scrofa).

 

Bis ins 18. Jahrhundert wurden die Schweine im wesentlichen im Freien (besonders in den Wäldern) als ideale Weideschweine gehalten, wobei immer wieder unbeabsichtigte Kreuzungen mit dem Wildschwein auftraten. Der Wald wurde meist nicht nach den Holzvorräten bewertet, sondern nach der Anzahl der Schweine, die in ihn eingetrieben werden konnten. Infolge der zunehmenden Devastierung der Wälder aufgrund der ausgedehnten Nutzung (Holz und Weide) wurde die bäuerliche Schweinehaltung zunehmend erschwert, was eine deutliche Verringerung der Schweinebestände in Mitteleuropa zur Folge hatte. Deshalb musste die Weide zunehmend auf Grün- und Ödland der Allmenden ausgedehnt werden, wobei bevorzugt feuchte Bereiche (nasses Auengrünland, Sümpfe) ausgewählt wurden. Ausserdem trieb man die Schweine nach der Ernte auf die Stoppeläcker. Als im 19. Jahrhundert jedoch intensivere Ackerbauverfahren eingeführt wurden, waren die Voraussetzungen für die Aufstallung der Tiere und eine schnellere Mast geschaffen.

 

Verbunden mit der Einkreuzung englischer Schweinerassen veränderten die Schweine seither ihre Gestalt und Eigenschaften zusehends. Heute gibt es eine Vielzahl von Schweinerassen. Sie entstanden alle erst in den letzten zwei Jahrhunderten und finden ihren Ursprung in der seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Engländer praktizierten Einfuhr chinesischer Masken- bzw. Bindenschweine (Sus scrofa vittatus), die sie mit den vorhandenen Landrassen einkreuzten.

 

Auf dem Umweg über England gelangten die Maskenschweine ab 1820 auch in die kontinentaleuropäische Schweinezucht und wurden so zu Vorfahren der heutigen sog. „Edelschweinrassen“  – nur nicht der Wollschweine, in deren Linien die chinesischen Schweine nie eingekreuzt wurden. Wollschweine haben deshalb mehr Eigenschaften mit dem eigentlichen Europäischen Wildschwein gemein als alle anderen Hausschweinerassen.

 

 

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Das Wollschwein

Das Wollschwein wird als die dem Wildschwein noch am nächsten verwandte Hausschweinrasse angesehen. Sein Ursprung liegt in den Kronländern der alten Donaumonarchie (jedoch nicht in den Hauptländern Österreich-Ungarns).

 

Im 12. und 13. Jahrhundert wurde östlich der Donau das hochbeinige und starkknochige Szalonta-Schwein (wahrscheinlich aus Italien stammend) als Fleischschweintyp mit rötlichen, teils gekräuselten, teils glatten, groben Borsten gehalten, während westlich der Donau das aschfarbige Bakonya-Schwein (abstammend vom ungarischen Wildschein) als Fettschweintyp mit rötlich-schwarzen und grauschwarzen, grobgekrausten Borsten und aufrechtstehenden Ohren dominierte. Durch deren Kreuzung mit den in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts importierten serbischen Schumadinka- (bzw. Sumadja- oder Milos-) Schweine entstand das ungarische Mangalitza-Schwein als urungarisches Fettschwein. Von den ursprünglichen Farbvariationen blond, rot und schwarz gilt letztere als ausgestorben.

 

Durch Kreuzung der blonden Mangalitza mit dem kroatischen Syrmien-Schwein entstand das schwalbenbäuchige Mangalitza mit auffallend langen, gekrausten Borsten („Wolle“) des dicht schwarz und gekraust behaarten Rückens, des weiss-gelbem Bauchs und der grossen Hängeohren. Die arttypischen Merkmale dieser Rasse haben sich seit etwa 200 Jahren kaum verändert. Die Frischlingsstreifen der neugeborenen Ferkel zeigen die nahe Verwandtschaft zu den Wildschweinen auf.

 

In extensiver Herdenhaltung bevölkerte es die Steppen und Wälder. Schweinehirte beweideten neben Eichenwäldern (Eichelmast) sumpfige Gelände und Ödland. Auch fand die Schweinefreilandhaltung auf Koppeln oder gemeinschaftlich genutzten Weiden sowie Brach- und Stoppeläcker statt.

 

Wegen seiner hervorragenden Speckqualität und einem guten Fettansatz verbreitete es sich rasch in ganz Europa und wurde manchenorts das meistgehaltene Schwein. Ende des 19. Jahrhunderts war der wollhaarige Specklieferant zur führenden Zuchtrasse aufgestiegen. 1927 wurde das Mangalitza-Schwein als Rasse offiziell anerkannt.

 

Auch in die Schweiz wurde das Wollschwein importiert und bis in die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts vielerorts gehalten. Dabei handelte es sich wohl ausschliesslich um das schwalbenbäuchige Wollschwein. Über dessen Verbreitung ist (noch) wenig bekannt, weshalb die Anerkennung als Schweizer Rasse (noch) aussteht. Voraussetzung dafür ist der Nachweis, dass die Tiere in unserem Land seit mindestens 50 Jahren gezüchtet werden (Tierschutzverordnung, Art. 16).

 

Einhergehend mit den sich veränderten Essgewohnheiten, der Züchtung fettarmer Rassen und der Intensivierung der Schweinehaltung brach jedoch seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die in ganz Europa einst weit verbreitete Zucht der Wollschweine innerhalb weniger Jahrzehnte drastisch ein. Damit verringerte sich der Bestand an Mangalitza derart, dass der Fortbestand dieser alten Haustierrasse fast schlagartig extrem bedroht war. Der Zusammenbruch liess lediglich kleine Restbestände in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, Slowakei, Serbien, und Ungarn überleben.

 

Durch die laufende Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft mit Massentierhaltung in Stallungen wurden die Wollschweine von den englischen Schweinerassen auch in der Schweiz rigoros verdrängt.

 

Mitte der 1990er Jahre erfolgte eine Rückbesinnung auf die Mangalitza als eine bedeutende nationale und europäische Nutztierressource. Da die drei Farbschläge des Mangalitza-Schweins zu den letzten bis in die Gegenwart erhaltenen europäischen Landrassen gehören, ist es ein Gebot der Stunde, die Erhaltung dieser Genressourcen sicherzustellen. In verschiedenen Ländern werden seither Anstrengungen mit dem Ziel unternommen, die bedrohte alte Haustierrasse vor dem Aussterben zu retten.

 

Da sich das Wollschwein, oder auch wollhaariges Weideschwein, grundsätzlich von allen anderen Schweinerassen unterscheidet, weist es Qualitäten auf, die diese alte Haustierrasse auch für die Zukunft erhaltenswert erscheinen lassen. Die Tiere sind etwas kleiner als Edelschweine, ihre Erscheinung ist kompakter, ihr Körperbau massiver. Sie sind robust, trittsicher, anspruchslos und kälteresistent. Wollschweine verfügen über einen ruhigen, sehr sozialen Charakter, sind stressfrei und widerstandsfähig gegen Krankheiten. Sie ertragen extreme Witterung und können auch im Winter im Freien gehalten werden. Mit ihrer guten Anpassungsfähigkeit an extreme Umwelt- und Haltungsbedingungen eignen sie sich vorzüglich als Weideschwein in der extensiven Freilandhaltung. Das Fleisch ist kräftig und von hervorragender Qualität.

Die Haltung der Tiere, meist in kleinen Gruppen im Freiland, kann sehr gut der Landesgegend oder den örtlichen Gegebenheiten angepasst werden. So findet man in der Schweiz Wollschweine auf Alpen, als Quartiersau, zur Säuberung von Kastanienhainen (Tessin), zur Pflege von Vogelschutzgebieten (Bodensee), zur Mast in Eichenwäldern.

 

Damit kann ein Trend unterstützt werden, der sich von der industriellen Massentierhaltung mit den bekannten negativen Folgeerscheinungen abwendet und wieder vermehrt die Qualität statt der Quantität in den Mittelpunkt stellt. Die funktionale Biodiversität von Nutztieren in ihrer Umwelt wird dabei als wesentliche Komponente einer nachhaltigen Landwirtschaft und der menschlichen Ernährung betrachtet.

 

Von Mangalitza stammende Nahrungsmittel (wie Salami, Saucisson und andere Würste, luftgetrockneter Schinken und Speck uam.) können sich zunehmend zu einem Qualitäts-Markenprodukt von agrarökonomischer Bedeutung entwickeln und insbesondere als regionale Spezialitäten den jeweiligen Markt erobern.

 

 

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Geschichte der Wollschweine in der Schweiz

1986 übernahm Pro specie rara (PSR) von der Werner-Stamm-Stiftung in Oberwil / BL einige Wollschweine in Kleingruppen, die sie interessierten Bauern abgab, die Gewähr für eine artgerechte Haltung auf extensiver Weidebasis boten. Damit begründete sie mit anfänglich einem knappen Dutzend Gruppen (aus vier weiblichen und zwei männlichen Zuchtlinien */ und mit vier Ebern als Blutauffrischungen aus Deutschland **/) die neuzeitliche, Herdebuch-geführte Zucht in der Schweiz. Ein 1991 erfolgter Import aus Ungarn endete zwar in der Quarantäne (vermutete Lungenentzündung), jedoch konnte Sperma eingefroren werden. Damit wurde (nach einem misslungenen Versuch 2007) erst 2008 mit einer Mohre eine künstliche Besamung erfolgreich durchgeführt, woraus aber lediglich ein Zuchteber entstammt.

 

1994 (25.09. in Vitznau) wurde die Schweizerische Vereinigung für die Wollschweinzucht (SVWS) gegründet, die seither für die Erhaltungszucht des schwalbenbäuchigen Wollschweins verantwortlich zeichnet und das Herdebuch führt. Besonderes Augenmerk wird der Vermeidung von Inzucht (Herdebuch, Vermittlung von Zuchtebern) und der Mithilfe beim Absatz von Fleisch (Marktplatz: Fleisch-Drehscheibe) und Ferkel (Mastferkelvermittlung) gewidmet. Alle Halter werden durch die Vereinigung (Expertenwesen) betreut und beraten.

 

Seit 01.01.2004 ist die SVWS vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) als Tierzuchtorganisation anerkannt. Nach grundlegenden Anpassungen (ua. mit Leistungsprüfung und genetischer Bewertung) an die neue Tierzuchtverordnung (Rev. 2010) wurde die Anerkennung 2010 auf 10 Jahre erneuert.

 

Dr. Hans-Niklaus Müller