Schwein haben - von der Sau, die mehr als nur Glück bringt

Tessiner Zeitung, 15. Mai 2015


 

 

Ein genügsamer Allrounder liefert bestes Fleisch. Das Tessin ist noch nicht wirklich auf das Schwein gekommen

Schwein haben - von der Sau, die mehr als nur Glück bringt

Dicht aneinandergedrängt liegen sie nebeneinander in ihren Kuhlen. Zu fünft sind sie und ihnen ist saumässig wohl. Synchronschlafen könnte man das nennen. Nur das vorderste Exemplar lässt sich beim Fototermin aus der Ruhe bringen. Springt auf und wirft einen skeptischen Blick auf die Besucher. Dann kommt es neugierig näher und hält sein freundliches Gesicht aufmerksam in die Kamera. Die Kameraden bleiben liegen und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Machen nicht einmal die Schweinsäuglein auf. In einiger Entfernung liegen weitere Tiere. Andere sind wacher. Wühlen mit ihren Nasen in der Erde oder treiben sich am Futterplatz herum. Die Unterstände, wo es sich am Trockenen liegen liesse, sind leer. Es ist ein sonniger Frühlingstag, die Schweine bevorzugen den Gang ins Freie. Und scheinen dabei äusserst zufrieden zu sein.

Nicht, dass man heute auf die Eier legende Wollmilchsau gestossen wäre. Was sich aber hier im Maggiatal auf der grossen Weide in krausem dunklem Borstenfell präsentiert, ist mehr als ein urtümlich anmutendes Relikt aus vergangenen Zeiten. Etwas ungewohnt ist er schon, der Anblick. Die gedrungenen Tiere erinnern an Wildschweine, und ihre hochgezüchteten Artgenossen haben mit diesen kleineren Tieren nicht mehr viel gemeinsam. Aber sie hat einiges zu bieten, diese alte Rasse, denn die Haltung von Wollschweinen ist eine unkomplizierte Sache und bringt dem Züchter so manchen Vorteil.

Unwegsames Gelände und karge Böden - das Betreiben von Landwirtschaft in den Tessiner Tälern ist bekanntermassen kein leichtes Unterfangen. Ackerbau lohnt sich kaum, denn Maschinen sind fast gar nicht einsetzbar. Handarbeit ist unerlässlich. Ein grosser Aufwand mit bescheidenem Ertrag. Die Nutzung der Weideflächen erfordert dementsprechend nicht nur vom Menschen sondern auch von den gehaltenen Tieren einiges an Anpassungsgabe: Robustheit ist gefragt, dazu Geländegängigkeit. Widerstandskraft und ein Mass an Genügsamkeit. Ziegen behaupten sich in diesen Regionen seit Jahrzehnten, die Käseproduktion aber zeigt sich als äusserst aufwendig. Esel sind nützlich, damit die weiten Weideflächen nicht vom Wald erobert werden. Auch die Mutterkuhhaltung hat sich bewährt. Eine Alternative oder Ergänzung, als weitere Möglichkeit zur Nutztierhaltung in den Tessiner Tal- und Alpregionen, bietet daneben darum das hier noch nicht so häufig anzutreffende Wollschwein. Denn in seiner natürlichen Anspruchslosigkeit genügt es den hier gestellten Ansprüchen ziemlich genau.

Wollschweine, oder auch wollhaarige Weideschweine genannt, sind etwas kleiner als die uns bekannten Edelschweine. Ihre Erscheinung ist kompakter, die Frischlingsstreifen, mit denen die neugeborenen Ferkel gezeichnet sind, zeigen die nahe Verwandtschaft zu den Wildschweinen auf. Die Alttiere sind dicht schwarz und gekraust behaart, mit gelblich weissem Bauch. Neben den in der Schweiz heute verbreiteten schwalbenfarbenen werden in Ungarn bis heute auch blonde und rote Wollschweine gehalten.

Trotz ihres massiven Körperbaus sind sie sehr marschfähig. Die Tiere sind robust, kälteresistent und widerstandsfähig gegen Krankheiten, dazu noch anspruchslos bezüglich der Futterqualität. Sie ertragen extreme Witterung und können sogar im Winter im Freien gehalten werden. Auch kennen sie keine Stresszustände und haben einen ruhigen und sehr sozialen Charakter. Das Fleisch des Wollschweins ist kräftig und von hervorragender Qualität. Somit eignen sich diese Tiere vorzüglich für eine extensive Weidemast.

Die ursprüngliche Heimat des Wollschweins ist das alte Österreich-Ungarn, wo diese Rasse als Mangalitza bekannt ist. Im vorigen Jahrhundert wurde das Wollschwein dort aus verschiedenen jugoslawischen und ungarischen Landschweinrassen herangezüchtet. In einer extensiven Herdenhaltung bevölkerte es die Steppen und Wälder Ungarns. Wegen seiner hervorragenden Speckqualität und einem guten Fettansatz verbreitete es sich rasch in ganz Europa und wurde gar an der Wiener Börse gehandelt. Hunderttausende von Wollschweinen wurden dann jährlich von Ungarn in den Westen gefahren. Auch in die Schweiz wurde das Wollschwein importiert, hatte aber später gegen die bis heute dominierenden schnell wachsenden Edelschweinrassen keine Chance, da es für die rentablere lntensivhaltung nicht geeignet war. Die einst weite Verbreitung des wollhaarigen Specklieferanten ging seit dem Zweiten Weltkrieg immer mehr zurück und ist heute fast zusammengebrochen. Nebst Restbeständen in Deutschland, Österreich, Serbien und Ungarn weist die Schweiz heute dank gezielter Förderung den höchsten Bestand an Tieren aus. Das Beste daran: Die Qualität des Fleisch der im Freien lebenden Wollschweine erfreut sich wachsender Beliebtheit.

Schweine im Freien sind für viele Konsumentinnen und Konsumenten der Inbegriff einer artgerechten Tierhaltung. Gerade für die biologische Schweinehaltung kann deshalb die Weidemast von Wollschweinen für einige Betriebe eine interessante Alternative sein. Die Investitionskosten in der Freilandhaltung sind gering, denn ein Sauenplatz im Freiland verursacht nur etwa ein Fünftel der Kosten eines Stallplatzes. Englische Studien berichten von 50 Prozent niedrigeren Tierarztkosten als bei der Stallhaltung, da die Tiere gesünder seien. Die Fütterungs- und Tränkeeinrichtungen, die Umzäunung und natürlich auch die Tiere müssen dennoch jeden Tag, bei jedem Wetter kontrolliert werden. Ein Aufwand aber, der sich lohnt. So könnte es also sein, dass man im Tessin in Zukunft vermehrt auf Wollschweine trifft. Das würde sich auch Daniel Quenet, einer der Experten und Mitglied der Schweizerischen Vereinigung für das Wollschwein, die sich für die Verbreitung der Tierart in der ganzen Schweiz einsetzt, wünschen.

Box: Engagement für die Vielfalt

1986 übernahm die Vereinigung PRO SPECIE RARA die Organisation und Förderung der Zucht in der Schweiz. Die registrierten Tiere wurden in Kleingruppen eingeteilt, und an interessierte Bauern abgegeben, die eine artgerechte Haltung auf extensiver Weidebasis bieten und gewährleisten konnten. Aus anfänglich einem knappen Dutzend ist mit den Jahren eine breite Basis von weit über 100 Zuchtgruppen in der ganzen Schweiz für die weitere Erhaltung dieser Rasse gewachsen. Heute verhilft die Schweizerische Vereinigung für die Wollschweinzucht dem Wollschwein in der Schweiz zum Überleben, indem unter anderem ein Herdenbuch geführt wird. Alle Halter werden zudem von Experten betreut, um beispielsweise bei der Züchtung Inzucht zu vermeiden, den Absatz des Fleisches zu gewährleisten und Mastferkel zu vermitteln. Durch gezielte Beratung wird ausserdem verhindert, dass Wollschweingruppen wegen Haltungsfehlern aufgegeben werden müssen. Die Haltung von Wollschweinen auch im Kanton Tessin noch beliebter zu machen und neue Züchter gewinnen zu können, ist der Wunsch der Schweizerischen Vereinigung für Wollschweinzucht. Interessierte wenden sich an www.wollschwein.ch

Bilder:

 

Ein zutraulicher, freundlicher und neugieriger Artgenosse (Wollschwein, gross)

Der Weideplatz im Freien: Wollschweine sind genügsam (Weide)