Tim und seine struppige Familie

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Wer sich aufgrund des jüngsten Skandals lieber regional mit Fleisch eindeckt, ist auf dem Betrieb der Stiftung Altra in Neuhausen gut bedient. Alex Thalmanns Wollschweine wachsen langsam, aber lokal, und das Fleisch ist auch ohne Zugabe von Pferdekomponenten ein Geschmackserlebnis.

von Adrian Krebs -

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Schon von Geburt an ein volles Haarkleid: Ein Jungwurf Wollschweine. (Bild: Imago)

Die Wollschweine von Alex Thalmann geniessen ziemlich paradiesische Zustände. Sie haben rund um die Uhr Auslauf und regelmässigen Weidegang. Derartige Privilegien geniesst nach wie vor nur der kleinste Teil der Artgenossen. Der Kostendruck in der modernen Landwirtschaft ist hoch, und die Schweine müssen bei Tageszuwächsen von bis zu 700 Gramm innert 5-6 Monaten Schlachtreife erlangen.

Weniger Ferkel als in der Intensivmast

Da hat es Tim etwas besser. Er ist der Wollschwein-Eber von Alex Thalmann in Neuhausen (SH) und wacht über eine Herde von derzeit 37 der buschig behaarten Tiere. Die rare Rasse wächst langsamer und liefert kleinere Koteletts als das durchschnittliche Mastschwein. Das Wollschwein kompensiert das mit etwas kräfigerem Geschmack des Fleisches und Robustheit. Krankheiten sind selten, was aber auch der rudimentären Haltungsform mit viel Frischluft zu verdanken ist.

Zu Tims Entourage gehören drei Muttertiere im Fortpflanzungsdienst. Sie werfen weniger Ferkel als die rosaroten Vertreterinnen der heute meistens verwendeten Kreuzung aus Edelschwein und Landrasse. Dass die Würfe mit 8 bis 12 Ferkeln etwas kleiner sind, ist Alex Thalmann recht. So kämen die meisten Jungtiere gut durch, und für alle stehe genügend Milch zur Verfügung.

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Doppelt so lange bei der Muttersau

An dieser tun sich während unseres Besuchs die sogenannten Silvestersäuli gütlich. Die am letzten Tag des vergangenen Jahres geborenen Tiere saugen schmatzend an den Zitzen der Muttersau, bevor sie ein bisschen auf ihr herumspazieren. Sie haben doppelt so viel Zeit mit der Mutter zugute als die Ferkel in der konventionellen Schweinehaltung, wo die Jungtiere nach rund einem Monat Säugezeit abgesetzt werden.

Nicht zufällig ähneln die Wollschweine äusserlich dem Wildschwein. Sie gelten als deren am nächsten verwandte Hausschwein-Rasse. Entstanden ist die schwalbenbäuchige Mangalitza, wie sie mit vollem Namen heisst, durch Kreuzung verschiedener Hausschweinrassen aus Italien und dem ungarisch-österreichischen Raum zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die intensive Zuchtarbeit in den vergangenen 100 Jahren und die veränderten Geschmacksgewohnheiten haben das Wollschwein an den Rand des Aussterbens gebracht. Dass sie jetzt in Neuhausen grasen können, verdanken Thalmanns struppige Vierbeiner auch der Organisation Pro Specie Rara, die sich der Erhaltung alter Tierrassen und Pflanzensorten verschrieben hat.

Stiftung unterstützt Wollschwein-Haltung

Dass er sich die Haltung trotz hohem Kostendruck leisten kann, ist nicht zuletzt der Betriebsstruktur von Thalmanns Hof zu verdanken. Dieser war einst der Gutsbetrieb der kantonalen Landwirtschaftsschule Charlottenfels. Heute pachtet ihn die Stiftung Altra, welche unter anderem in der Betreuung von Behinderten tätig ist, die wiederum auch Alex Thalmann zur Hand gehen. Deshalb muss der Betrieb, der ohne Direktzahlungen auskommen muss, auch nicht kostendeckend wirtschaften.

Das kümmert Tim alles offensichtlich wenig. Er wühlt in einem Haufen Salat und Chicorée-Wurzeln, den ihm Thalmann soeben kamerawirksam zum Frass vorgeworfen hat. Gemüsereste gehören aber auch abseits der Kameras zum Speisezettel der Wollschweine. Nachdem sie sich 11-12 Monate derart gesund ernährt haben, neigt sich auch für Thalmanns Masttiere der Lebenszyklus dem Ende zu. Das Fleisch kommt via Kundenkartei und Hofladen in den Direktverkauf. Garantiert ohne dubiose Zusätze unsicherer Herkunft.