Ethologische Grundlagen

Ethologische Grundlagen

In verschiedenen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass sich das Hausschwein in seinem Verhalten gar nicht so sehr vom Wildschwein unterscheidet. Viele Verhaltensweisen wie Nestbau, Nahrungssuche, Suhlen usw. werden durch die ausschliessliche, intensive Stallhaltung unterbunden. Lässt man solche Tiere aber im Freilandgehege laufen, finden sie recht schnell und weitgehend zu ihren ursprünglichen Verhaltensmustern zurück. Im folgenden sollen jene Verhaltensweisen kurz beschrieben werden, die für die Haltung und Betreuung von Schweinen wichtig sind.

Sozialverhalten «Ein Schwein ist kein Schwein»

 

Wildschweine leben in Gruppen zusammen. Sie bestehen aus mehreren Bachen mit ihren Frischlingen und den weiblichen Tieren ihres vorigen Wurfes. Die männlichen Tiere werden mit ein bis eineinhalb Jahren aus der Rotte ausgestossen. Sie bleiben noch einige Zeit beisammen und werden dann spätestens mit Einsetzen der nächsten Paarungszeit zu Einzelgängern.

Vor der Geburt sondern sich die Mutterschweine ab und finden sich erst nach ein bis zwei Wochen wieder mit der Rotte zusammen.

Die einzelnen Rottenmitglieder halten fest zusammen, was wichtig für die Behauptung von Fressplätzen und Revieren ist. Schweine sind deshalb sehr gesellige Tiere, deren Wohlbefinden von der Anwesenheit von Artgenossen abhängt. Innerhalb einer Gruppe herrscht eine feste Rangordnung. So hat jedes Mitglied seinen festen Platz, der nicht ständig neu erkämpft werden muss. Zu Auseinandersetzungen kommt es meist nur beim Fressen. In einer stabilen Rangordnung braucht es oft nur Drohgebärden wie z.B. Kopfschlagen, um das rangniedrigere Tier weichen zu lassen.

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:


Ausreichendes Platzangebot:

  • bei der Bildung von Gruppen wird das Erstellen einer Rangordnung ermöglicht
  • die Verletzungsgefahr bei Rangordnungskämpfen wird vermindert
  • dem rangniederen Tier wird das Ausweichen erleichtert

 

Raumstrukturen:

  • sie ermöglichen es, dem rangtieferen Tier Auseinandersetzungen auszuweichen

 

Ausruheverhalten

 

Wildschweine ruhen 13 – 16 Std. pro Tag. Der Grossteil der Ruhezeit (ca. 11 Std.) entfällt auf die Nacht. Über die Mittagszeit wird eine Ruhepause von 2 –5 Std. eingelegt.

 

Die Schweine suchen zum Ruhen ganz bestimmte Plätze auf, die je nach Witterung ausgewählt werden. Bei warmem Wetter bevorzugen sie eine kühlende Unterlage (im Stall z.B. den Betonboden), bei kühlen Temperaturen wählen sie eine isolierende Unterlage (Einstreu). Sie bauen sich zum Schlafen gerne spezielle Nester und tragen dafür Gras, Äste oder Stroh zusammen.

 

Wenn es kalt ist, liegen in Gruppen gehaltene Hausschweine in Haufen auf- und übereinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Der Stoffwechselaufwand zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur kann dadurch um bis zu 40% reduziert werden.

 

Ganz allgemein gilt, dass der Schlafplatz windgeschützt sein soll. Es ist auch wichtig, dass er den Tieren den Überblick gewährleistet, damit sie sich beim Schlafen sicher fühlen.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Separater Liegebereich:

  • der Liegeplatz soll mittels Strukturen vom übrigen Stallraum abgetrennt sein. So wird er auch meist sauber gehalten.
  • Ausreichendes Platzangebot:
    bei warmer Witterung sollen die Schweine beim Liegen Abstand halten können

 

Einstreu:

  • die Tiere können sich Schlafnester bauen
  • Einstreu dient der Thermoregulation

 

Fortbewegung

 

In natürlicher Umgebung laufen Wildschweine ca. 5 km pro Tag. Dies ist vor allem mit der Nahrungssuche und dem Erkundungsverhalten verbunden. Selbst in Stallhaltung, wo die Tiere das Futter vorgesetzt bekommen, ist ein starkes Bewegungsbedürfnis vorhanden.

 

Es ist deshalb empfehlenswert, einen Auslauf und eventuell sogar Weidegang vorzusehen. Bewegung wirkt sich auch positiv auf Muskeln und Gelenke aus und ist deshalb gesundheitsfördernd.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Auslauf, eventuell Weidegang:

  • kommt dem Bewegungsbedürfnis der Tiere entgegen
  • fördert die Gesundheit

 

Erkundungsverhalten

 

Für Wildtiere ist das Erkundungsverhalten von grosser Bedeutung. Es dient dazu, sich ein Bild von der Umwelt zu machen und mit dieser vertraut zu werden. Nur durch ständige Information aus der Umwelt kann das Verhalten neuen Situationen optimal angepasst werden.

 

Als ein Mittel zur Erkundung steht dem Schwein ein ausgezeichnetes Riechvermögen zur Verfügung. Es besitzt weit mehr Riechzellen als z.B. der für seine feine Nase bekannte Hund. Vor allem aber setzt das Schwein seine empfindsame Rüsselscheibe zum Erkunden ein. Insbesondere das Wühlen ist eng mit dem Untersuchen der Umgebung verknüpft.

 

Da es in der intensiven Stallhaltung an Umweltreizen fehlt, stellen sich oft schwere Verhaltensstörungen ein. Insbesondere Stereotypien seien hier erwähnt. Dabei führt ein Schwein manchmal stundenlang eine immer gleiche Bewegung aus, wie z.B. das rhythmische Beissen auf die Abtrennungsstangen. Dadurch löst es eine Ausschüttung von Endorphinen, einem körpereigenen Opiat, aus. Dieses versetzt das Tier in die Lage, seine reizarme Umwelt besser zu ertragen.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

strukturierter Stallraum:

  • verschiedene Stallbereiche wie Liegefläche, Kotgang, Auslauf evt. Weide bringen Abwechslung

 

verschiedenes, zum Erkunden geeignetes Material:

  • Stroh, Wühlerde, Äste, verschieden strukturiertes Futter etc. befriedigen das Erkundungsverhalten und gestalten das Leben der neugierigen und an allem interessierten Schweine abwechslungsreich

 

Nahrungsaufnahmeverhalten

 

Schweine sind darauf spezialisiert, weit verstreute oder schwer zu gewinnende Nahrung aufzunehmen. Sie sind es daher gewöhnt, sehr viel Zeit und Energie für die Nahrungssuche und -aufbereitung aufzuwenden. Dabei benutzen sie ihre Schnauze zum Wühlen, Graben, Schaben, Pflügen im Erdreich, aber auch zum Reissen und Abreissen von Gras und grünen Pflanzenteilen, zum Umdrehen von Grasziegeln, zum Hebeln an Ästen und Wurzelstöcken, zum Abstemmen von Rinde u.v.m.

 

Schweine gelten als Allesfresser. Ihre Nahrung besteht aus Wurzeln, Knollen, Früchten, Samen, Gras, Kräutern u.s.w. Auf der Weide können Sauen bis zu 12 kg Gras pro Tag aufnehmen. Aber auch tierische Nahrung wird nicht verschmäht. Dazu gehören Würmer, Insekten, Mäuse, Jungvögel, selten sogar Rehkitze und gelegentlich auch Aas.

 

In der heutigen Schweinehaltung wird meist nur Kraftfutter gefüttert. Das Futter enthält zwar alle Nährstoffe, ist aber hochkonzentriert und mehlförmig oder gewürfelt. Dadurch ist es einfach und schnell zu fressen und befriedigt damit die Nahrungssuche und die Nahrungsaufbereitung bei weitem nicht. Dies kann wiederum zu den verschiedensten Verhaltensstörungen führen.

 

Die Nahrungsaufnahme ist bei Schweinen ein «ansteckendes» Verhalten, d.h. sie findet gemeinsam statt. Die Tiere halten dabei zueinander Abstand um Konfliktsituationen zu vermeiden. Zu Auseinandersetzungen kommt es in der Regel nur bei begrenzt zu Verfügung stehenden Futterkomponenten. Um Kämpfe am Futtertrog zu vermeiden, empfiehlt es sich, den Trog mindestens optisch zu unterteilen, was man mit Kopfblenden (blickdichte Unterteilungen) erreichen kann.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Abwechslungsreiche Fütterung:

  • strukturiertes Futter, Äste, Heu etc. befriedigen das Bedürfnis nach Nahrungsaufbereitung
  • rohfaserreiches Futter ergibt ein Sättigungsgefühl, was bei konzentrierter Fütterung nicht der Fall ist

 

Bodenfütterung:

  • geeignete Futterkomponenten können auf den Boden gestreut angeboten werden, was den Zeitaufwand für die Futtersuche erhöht

 

Weide, Auslauf:

  • befriedigen das Bedürfnis sowohl nach Nahrungssuche als auch nach Nahrungsaufbereitung

 

Körperpflegeverhalten

 

Die Haut dient u.a. als Schutz gegen schädliche Einwirkungen aus der Umwelt. Die Körperpflege soll daher Haut und Haarkleid sauber und in guter Kondition halten.

 

Wegen der massigen Körperform können sich Schweine nicht überall selber kratzen. Sie benützen deshalb gerne Bäume u.ä. um sich daran zu scheuern.

 

Sehr charakteristisch für das Verhalten von Schweinen ist das Suhlen. Ihre Haut weist praktisch keine Schweissdrüsen auf. Sie leiden daher sehr unter der Hitze und schätzen eine Abkühlung bei Temperaturen über ca. 20 ºC sehr.

 

Das Wildschwein legt seine Suhle an einer kühlen, schattigen und feuchten Stelle an. Sie hat eine ovale Form mit den durchschnittlichen Massen von 1,3 x 0,8 x 0,2 m und soll ein richtiges Schlammbad verschaffen.

 

Die Schlammbedeckung nach dem Suhlen hat verschiedene Funktionen: Einerseits hat der feuchte Schlamm einen dreimal grösseren Abkühlungseffekt als Wasser, andererseits bietet er Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung und vor Insekten.

 

Haben Schweine in Stallhaltungen keine Möglichkeit sich abzukühlen, werden oft die Exkremente als Suhle benutzt, oder Kot und Harn werden in der eingestreuten Liegefläche abgesetzt, um so einen Suhlenersatz zu erhalten.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Scheuerpfähle:

  • die Schweine sollen die Möglichkeit haben, sich am ganzen Körper zu kratzen

 

Suhle:

  • wenn immer machbar, soll den Schweinen diese Möglichkeit zur Abkühlung geboten werden
  • ist eine Suhle nicht möglich, kann an heissen Tagen auch mit dem Gartenschlauch Abkühlung verschafft werden

 

Koten / Harnen

 

Wenn Schweine die Gelegenheit haben, halten sie ihre Wurf- und Schlafnester sehr sauber. Sogar schon die ganz kleinen Ferkel sind bestrebt, ihren Liegeplatz sauber zu halten.

 

Die Abstände zwischen den Schlafnestern und Kotplätzen betrugen bei Hausschweinen in Freigehegen 5 – 15 m. Die Tiere koteten bevorzugt auf breiten Pfaden im Gebüsch oder am Waldrand.

 

Im Stall wird der Mist gerne an hellen, feuchten, eher offenen Stellen abgesetzt. Mit geeigneten baulichen Massnahmen kann deshalb das Sauberhalten der Liegefläche unterstützt werden.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Einwanden des Liegebereichs:

  • ergibt eine räumliche Trennung zum Kotbereich

 

Selbsttränken im Kotbereich anbringen:

  • das verschüttete Wasser animiert die Tiere Kot und Harn an dieser Stelle abzusetzen

 

Fortpflanzung

 

Der Sexualzyklus der Sau dauert 21 Tage. Die Brunst (sog. Rausche) kann in zwei Phasen - die Vorbrunst und die eigentliche Brunst - unterteilt werden.

 

Die Vorbrunst dauert bei Altsauen ca. 1,5 Tage, bei Jungsauen wesentlich länger. Die Sauen zeigen eine erhöhte Erregbarkeit und Unruhe, die Aktivität verdoppelt sich. Man kann ein Anschwellen und Röten der Vulva beobachten. Die Tiere harnen oft und in kleinen Mengen. Sie können typisch männliche Verhaltensweisen wie Flankenstossen und Aufspringen zeigen, ohne sich aber vom Eber bespringen zu lassen.

 

Die eigentliche Brunst dauert ca. 2 Tage. Die Verhaltensweisen der Vorbrunst sind jetzt erheblich gesteigert. Die Paarungsbereitschaft der Sau äussert sich im Duldungsreflex: Sie bleibt vollkommen reglos und mit gekrümmtem Rücken stehen, die Ohren sind nach rückwärts eng an den Hals gelegt. In dieser Phase lässt sich die Sau praktisch nur mit Gewalt bewegen.

 

Der Eber reagiert auf eine rauschige Sau mit charakteristischen Lautäusserungen, Flankenstössen und geruchlichen Harnkontrollen. Diese vorbereitenden Verhaltensweisen sind sehr wichtig für eine gute Fruchtbarkeit. Wenn man das gesamte Paarungsritual von Sau und Eber zulässt, erhöht sich die Anzahl geborener Ferkel.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Familienhaltung:

  • wird der Eber mit den Sauen zusammen in derselben Bucht gehalten (immer oder zeitweilig) findet er untrüglich jedes rauschige Tier

 

Paarungsritual:

  • wird das ganze Paarungsritual zwischen Sau und Eber zugelassen, erhöht sich die Fruchtbarkeit

 

Mutter-Kind-Verhalten

 

Einige Tage vor der Geburt trennt sich die hochtragende Muttersau von der Gruppe um einen geeigneten Standort für ihr Wurfnest zu suchen. Er muss von den Gruppennestern entfernt liegen und soll sowohl Deckung als auch Überblick bieten. Die Nester werden gerne neben oder unter horizontalen Strukturen angelegt.

 

Hat die Sau einen geeigneten Standort gefunden, beginnt sie mit dem Nestbau. Zuerst hebt sie mit Rüssel und Vorderfüssen eine flache Mulde aus. In der Nähe werden dann Laub, Gras und kleine Äste abgebissen und mit erhobenem Kopf auf einen grossen Haufen getragen. Zum Schluss schiebt sich die Sau langsam ein bis sie völlig mit dem Material bedeckt ist. Der gesamte Nestbau dauert bei Wildschweinen 5 – 6 Stunden. Bei kalter Witterung sind die Nester grösser und besser gepolstert. In den ersten Tagen hält das Nest die Ferkel zusammen und erleichtert damit das Auffinden der Zitzen und die Prägung auf das Muttertier. Ausserdem erfüllt es eine mechanische Schutzfunktion gegen das Erdrücken durch die Sau.

 

Nach 112 – 120 Tagen (3 Monate – 3 Wochen – 3 Tage) kommen die Ferkel zur Welt. Sie befreien sich in den ersten Minuten selber von den Eihäuten und der Nabelschnur und beginnen dann mit der Zitzensuche. Gleichzeitig setzt der Kampf um die Zitzen ein. Nach einigen Tagen hat sich weitgehend eine Zitzenordnung eingespielt, welche weitere Kämpfe erübrigt.

 

Der Saugvorgang wird entweder durch Lockgeräusche und Abliegen der Sau oder durch die Ferkel ausgelöst. Die Milchflussphase ist mit 10 – 40 Sekunden sehr kurz und endet abrupt.

 

Nach einigen Tagen ist die Mutter-Kind-Prägung abgeschlossen und die Sau kann sich mit ihrem Wurf langsam der Gruppe wieder anschliessen.

 

Etwa in der 5. – 6. Woche steigt der Anteil der festen Nahrung bei den Ferkeln stark an. Danach können sie auch ohne Muttertier überleben. Je nach Untersuchung war das Absetzen mit 12,5 – 17 Wochen abgeschlossen.

 

Konsequenzen für eine artgemässe Haltung:

 

Nestbau:

  • die Sau sollte die Möglichkeit haben, sich für die Geburt von der Gruppe abzusondern (eventuell Einzelbucht)
  • es sollte genügend Nestbaumaterial (nach Möglichkeit verschiedener Art) zur Verfügung stehen